Sprachendienst Stephan Friess

Gestern Abend wurde ich gefragt, warum ich nicht mal eine Anekdote zu einer der schwierigsten Fremdsprachen niederschreibe, die bei uns am Bodensee gesprochen werden, dem Schwäbischen. In der Tat, als ich noch nicht so lange hier wohnte, musste auch in die eine oder andere sprachliche Hürde nehmen:

Gleich eine meiner ersten Verabredungen mit einem Einheimischen kam aufgrund der kulturellen und sprachlichen Unterschiede nicht, bzw. erst viel später, zustande. Nun, er schrieb mir eine SMS, er wäre in der Stadt und "bis um dreiviertel sieben" in einem Café an der Uferpromenade, ob ich nicht dort vorbeikommen möchte. Nach kurzem Nachrechnen wußte ich, dass damit 18:45 gemeint war und schaffte es, um Viertel sieben, also um 18:15, dort zu sein. Von meinem Bekannten keine Spur, auch telefonisch war er nicht erreichbar. Nach kurzer Suche fuhr ich enttäuscht nach Hause. Dann um 19 Uhr seine SMS "Wo bleibst Du?".

Einen Tag später die Erklärung: Wenn ein Deutscher sagt, dass er bis 18:45 da ist, meint er, dass er irgendwann vorher kommt und bis um diese Zeit da ist, weil er dann wieder geht. Der Schwabe hingegen meint damit, dass er um diese Zeit erst kommt. Nicht logisch, ist aber so.


Gleich hinterher eine kleine Anekdote aus meiner Anfangszeit in der DLRG Friedrichshafen. Beim Schwimmtraining sollten wir eine Bahn schwimmen, aus dem Wasser steigen, zurück laufen, die nächste Bahn schwimmen, aus dem Wasser steigen, usw. Kann ja nicht so schwer sein.

Die erste Bahn war noch einfach. Raus aus dem Wasser und zurück gelaufen bis der Ausbilder mich ermahnt "Langsam!". Meine nächste Bahn geschwommen, aus dem Wasser und "Laufen!". Nach drei Metern auf dem rutschigen Kachelboden "Langsam!". Wieder eine Bahn. "Laufen!" - "Langsam!! - Wieder eine Bahn. "Laufen!" - "Langsam!! - Wieder eine Bahn. "Laufen!" - "Langsam!!! - Wieder eine Bahn. "Laufen!" - "Langsam!!!!! - Wieder eine Bahn. "Laufen!" - "Langsam!!!!!!!!! - "Ja, willst Du mich verarschen?! Soll ich jetzt langsam oder laufen?" - "Langsam laufen natürlich" - Na, das geht aber auch nur in Schwaben, wo mit "Laufen" die langsame Fortbewegungsart des Gehens gemeint ist und man zu "Laufen" hingegen "Rennen" zu sagen pflegt.

Es ist wirklich zum Davonlaufen, äh, zum Davonrennen...


Vielleicht sollte man im Übersetzerstudium öfter mal alte Schriften studieren. Da mußte ich soeben doch mehr als einmal hinschauen, bis ich die geheimnisvolle Schrift auf dieser Urkunde aus Liège (Lüttich) entziffert hatte: orbalig ?
spanisch Übersetzung


Auch Stahlrahmen können erotisch sein. Im Datenblatt wurde das Objekt der Begierde beschrieben mit "oben ohne und unten mit Bohrung". Gemeint war offensichtlich "oben ohne Bohrung, unten mit Bohrung". Was grammatikalisch ja nun auch vollkommen richtig war...


Im Zeppelin-Museum mache ich Führungen in Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch. Manchmal jedoch brauche auch ich einen Dolmetscher, so wie gestern. Die Besuchergruppe kam aus Italien und hatte ihren eigenen Dolmetscher dabei, einen älteren Herren mit Schirmmütze. Zwar verstehe ich einiges und habe auch gute Grundkenntnisse in Italienisch, aber eine ganze Führung auf Italienisch ist mir doch zu viel. Dachte ich... Nun, ich habe den Dolmetscher ganz gut verstanden, allerdings schien ihn die italienische Besuchergruppe nicht so gut zu verstehen.

Eine Nachfrage ergab folgendes: Er war Niederländer, ein pensionierter Lehrer, und hatte nicht wirklich Italienisch gelernt. Er hatte lange Latein unterrichtet und meinte, man könne nun alles von dort ableiten. Für einige wenige Dinge mag dies sicher zutreffen, aber er kam sehr schnell an seine Grenzen, als es um moderne Begriffe wie „Kaugummi“, „Internetcafé“, „Kohlefaser“ und „Gepäckschließfach“ ging oder um technische Ausdrücke wie „Auftrieb“, „Niet“, „Längsträger“ oder „Getriebe“. Auch sonst kam er sehr schnell an seine Grenzen. Allerdings war er selber schon mehrfach im Museum und konnte so seine eigenen Geschichten erzählen.

Nun, an jenem Tag schneite es heftig. Ich stehe also im T-Shirt vor den Besuchern, die alle noch in dicke Wintermäntel mit Mütze und Schal verpackt sind und es geht grade schon gut los: (D = Dolmetscher)


Ich: Sie können Ihre Mäntel drüben ins Schließfach einschließen, hier im Museum ist die Temperatur recht angenehm.

D: Potete tenere addosso i vostri cappotti.

Ich: Ma potete anche lasciare i vostri cappotti nell'armadietto. Qui nel museo la temperatura è veramente piacevole.

D: Ma no, non è necessario. Potete tenere addosso i vostri cappotti.

20 Besucher folgen mir also, warm verpackt, ins Museum. Zum Einstieg frage ich die Besucher:


Ich: Können Sie sich vorstellen, was dieses Gebäude einmal war, bevor es zum Museum umgebaut wurde?

D: Das habe ich den Leuten vorher schon im Bus erzählt.

Ich: Könnten Sie meine Frage bitte trotzdem dolmetschen?

D: Nein, das wissen die schon.

Ich: Trotzdem.

D: Il museo è posto all'interno della vecchia stazione portuale.

Es geht gut weiter, wenn der Dolmetscher auch nur Bruchstücke zum Geschehen beiträgt. Beim Wasserstoff (hidrógeno) mit dem die Hindenburg gefüllt war, konnte ich ihm noch mit dem entsprechenden Wort aushelfen, aber...


Ich: Im Zeppelin NT ist jedoch Helium, ein unbrennbares Edelgas.

D: Sì, questo piccolo Zeppelin viene riempito con aria calda.

Ich: Il dirigibile Zeppelin NT viene riempito con elio, un gas nobile e ininfiammabile.

Die Besucher schauen sichtlich irritiert.

Nachdem ich den Besuchern erklärt hatte, dass 1 cbm Helium ungefähr ein Gewicht von 1 kg heben kann, stellte ich ihnen folgende Frage, welche meist richtig beantwortet wird:


Ich: Vor einiger Zeit wurde im Fernsehen in einer Wissenschaftsshow ein Film gezeigt, der im Internet kursiert und die Frage war, ob folgende Geschichte wahr ist oder ein Fake.
(Ich nicke dem Dolmetscher zu.)
D: Ja erzählen Sie erst mal die Geschichte.

Ich: Ja, Sie können doch bis dahin schon mal dolmetschen.

D: Nein, erzählen Sie erst mal die ganze Geschichte.

Ich: Bitte.

D: Nein, ich fasse das gleich alles zusammen.

Ich: Also, ein paar Jugendliche stehen auf einer Brücke, neben sich eine Gasflasche mit Helium. Dann stecken sie sich zwei Päckchen Kaugummis in den Mund, kauen es gut durch, atmen das Helium ein und machen damit gigantische Kaugummiblasen. Nun springen sie damit von der Brücke, aber schweben wegen der heliumgefüllten Kaugummiblasen nur ganz langsam zu Boden. Ist diese Geschichte also wahr oder ein Fake? (Die Erzählung wird natürlich mit Gestik und viel Pathos unterstrichen.)

D: Ach so, ja, das ist ja völliger Blödsinn.

Ich: Ja, können Sie das bitte mal dolmetschen?

D: Nein, das ist ja Blödsinn.

Ich: Ich möchte aber, dass Sie den Leuten die Geschichte dolmetschen, das ist ja eine Frage an die Besucher, ob die Geschichte wahr ist oder nicht.

Die Besucher verfolgen irritiert meine Konversation mit dem Dolmetscher. Später erklärten mir zwei Besucher, sie hätten genau gemerkt, worum es ging, dass er also nicht dolmetschen wollte.

D: (mit süffisantem Grinsen) Be', mi ha raccontato la storia di alcuni giovani, che masticano chewing gum riempito di elio e poi si tuffano da un ponte. Ma mi sembra una stupidaggine.

Nachdem sich der Dolmetscher konsequent hinter der Gruppe versteckt und sich auf wiederholte Bitte weigert, zu dolmetschen („nee, machen Sie mal“), kommt das Highlight.


Ich: Forse avete sentito parlare del disastro occorso al dirigibile Hindenburg? (Besucher nicken) Ma cosa era successo nel 1937? (Ich schaue mich suchend nach meinem Dolmetscher um. Das wird mir jetzt wirklich zu kompliziert, von statischer Aufladung der Wolken nach einem schweren Unwetter zu berichten und ein sehr emotionales Thema adäquat wiederzugeben.) Dov'è il nostro interprete?

Besucher: E appena scappato.

Ich: Che peccato. Mi piacerebbe raccontare cosa è successo davvero durante la fase di atterraggio nella base di Lakehurst. Ma adesso mi sento un po' ... äh. Proporrei allora di andare avanti e se avete qualsiasi domanda sono lieto di provare a rispondere.

Besucher: No, racconta, sa farsi capire benissimo.

Ich hole Luft, beginne und es folgten die wahrscheinlich längsten 5 Minuten meines Lebens.

Auch sonst hatte der Dolmetscher nicht gedolmetscht, was ich gesagt hatte, sondern meist in Bruchstücken eine vollkommen andere Anekdote aus seinem Repertoire erzählt. Gerne hätte ich ihn nach der Führung unter vier Augen noch einmal zur Rede gestellt, aber er wurde nach seinem mysteriösen Verschwinden nicht mehr gesehen.


Nun wahrscheinlich eines der skurrilsten Ereignisse meiner Karriere, mit Sicherheit jedoch das gruseligste. Kürzlich sollte ich eine englischsprachige Gruppe durch die Deutsche Zeppelin-Reederei führen. Nachdem ich eine Viertelstunde auf unsere Gäste gewartet hatte, betraten zwei Chinesen das Foyer. Ich begrüßte sie freundlich und fragte, ob sie der erwartete Besuch seien, worauf einer der beiden die Hand hob: "Wait." Zwei weitere Chinesen reagierten überhaupt nicht auf meine Begrüßung. Ebenso wenig das restliche Dutzend, das im 5-Minuten-Takt eintraf. Keine Antwort, keine Reaktion. Lediglich mein bisher einziger "Gesprächspartner" hob gelegentlich die Hand: "Wait." Allmählich begann ich, die Ecken des Raumes nach einer versteckten Kamera abzusuchen, als auf einmal Bewegung in die Gruppe kam.

Ein junger Chinese kam aufgeregt auf uns zu, ergoß einen Schwall unverständlicher Silben - eventuell Chinesisch - über sein Rudel und ehe ich mich versehen konnte, waren auch schon wieder alle verschwunden. Mich gegenüber dem Rudelführer bemerkbar zu machen, wurde im wahrsten Sinne des Wortes durch eine chinesische Mauer wirkungsvoll verhindert. Nach einer weiteren Wartezeit kam die gleiche Gruppe wieder im Eiltempo auf mich zugestürmt, sie hätten eine Führung bei mir gebucht, mich aber nicht gefunden. Der junge Mann erklärt mir nun, keiner der Besucher könne nur ein Wort Deutsch oder Englisch, weshalb er für uns dolmetschen werde. Es ging also los:

"Welcome to our guided tour of the Zeppelin hangar." - Dolmetscher: "Sorry, my English no good, besser Deutsch" - Ok, Deutsch spreche ich ja ganz gut, das dürfte kein Problem sein. Leider stellte sich bereits im zweiten Satz heraus, dass der "Dolmetscher" leider auch nur sehr wenige Brocken Deutsch konnte. - Da standen wir nun. Sie verstanden nur Chinesisch, ich nicht einmal das. Es folgte eine unendlich lange, halbe Stunde, die der ich meine gesamten pantomimischen Kenntnisse aus der Schublade holte, bevor die Gruppe zum zweiten Mal die Flucht ergriff. Diesmal konnte ich mich sogar fast darüber freuen, zumindest aber war ich recht erleichtert. Ob ich vielleicht doch noch Chinesisch lernen sollte?


The instructor said "No jump". She understood "now jump". And she jumped. - So geschehen auf einer Brücke im Süden Spaniens, auf der Bungee-Jumping ohnehin verboten war. Hinzu kam noch, dass der marokkanische Mitarbeiter, dessen Englisch- und Spanischkenntnisse zudem recht bescheiden waren, zwar das Bungee-Seil an der 16-jährigen Springerin befestigt hatte, nicht jedoch an der Brücke.


Und hier könnte Ihre Anekdote stehen. Sind auch Sie bereits auf ähnliche Fettnäpfchen oder sogar gigantische Fettnäpfe gestoßen, würde ich mich freuen, wenn Sie mir von Ihren Erlebnissen schreiben. Auch für Korrekturen und Ergänzungen bin ich Ihnen stets dankbar. Nutzen Sie die umfangreichen Kontaktmöglichkeiten.


Übersetzer für Spanisch in Wasserburg